Züchtungsforschung - regional, partizipativ und biologisch-dynamisch
1988 gründeten Dr. Bertold Heyden und Elisabeth Beringer mit Unterstützung mehrerer biologisch-dynamisch arbeitender Landwirte das J. und C. Graf Keyserlingk-Institut am Bodensee. Trägerverein des Instituts ist der Verein zur Förderung der Saatgutforschung im biologisch-dynamischen Landbau.
Das Institut konzentriert seine Arbeit auf die Erhaltung und Weiterentwicklung bewährter Getreide-Hofsorten. Ein Schwerpunkt ist dabei die Entwicklung neuer Weizen- und Roggensorten für die Bodenseeregion und ähnliche Standorte. Alle bisher entstandenen Sorten wurden durch die Selektion aus langjährig biologisch-dynamisch gepflegten Hofsorten entwickelt. Dabei kann Dr. Heyden auf die Entwicklungsdynamik innerhalb eines Feldes setzen, wodurch im Laufe der Jahre eine neue Formenvielfalt mit Anpassung an die regionalen Anbaubedingungen zu beobachten ist.
So sind eine Roggensorte und mehrere Weizensorten entstanden, die nun zusammen mit Hofsorten von Roggen und Dinkel die Grundlage für das Regionalsortenprojekt bilden. 17 Höfe bauen diese Sorten an; die Ernte wird von vier Bäckereien zu Brot verbacken. Unter dem Logo SaatGut Brot wird dieses von ca. 100 Naturkostläden in der Bodenseeregion und im weiteren süddeutschen Umkreis verkauft.
Die Vorteile dieses Projektes sind vielfältig und erreichen alle Beteiligten:
Den Landwirten stehen lokal angepasste, fruchtbare Getreidesorten zur Verfügung, deren Eigenschaften sie genau kennen. Sie sind hierfür nicht auf den Zukauf von außen angewiesen und übernehmen die Saatgutvermehrung selbst.
Die Bäckereien bevorzugen das Getreide aus der Region. Sie können daraus qualitativ hochwertige Produkte herstellen. Langfristigere Absprachen über Preis und Qualität sind möglich. Für die Züchtung sind die unmittelbaren Rückmeldungen aus der Praxis hilfreich.
Die Brote wiederum werden überwiegend in der Region vermarktet, so dass die gesamte Wertschöpfung vom Saatgut bis zum Brot in lokalen, handwerklich arbeitenden Betrieben erfolgt.
Die Kundinnen und Kunden schließlich erhalten nicht "nur" eine regionale Spezialität von hochwertiger Qualität und gutem Geschmack. Vielmehr leisten sie mit dem Erlös jedes gekauften Brotes über den "Züchter-Cent" einen kleinen finanziellen Beitrag zur weiteren Züchtungs- und Forschungsarbeit des Keyserlingk-Institutes.
Einen besonderen Schwerpunkt stellt das Forschungsprojekt "Wildgrasveredelung" dar. Ziel ist es, aus geeigneten Wildpflanzen - in diesem Fall einem Gras - Nahrungspflanzen für den Menschen zu entwickeln. Seit einigen Jahren wird daher an dem "Wildgetreide" Dasypyrum villosum - auch Haarweizen genannt - gearbeitet, das zwischen Krim und Sardinien beheimatet ist.
Der elastische Halm trägt Ähren, die etwas an Roggen erinnern. Die Körner sind kleiner, haben aber einen gut ausgebildeten Mehlkörper mit einem Klebereiweiß ähnlich wie Weizen. Bei der Reife wird die Mittelachse der Ähre, die sogenannte Spindel, von oben her brüchig und die im Spelz eingeschlossenen Körner werden wieder ausgestreut. Entsprechend schwierig ist es, den richtigen Erntezeitpunkt zu treffen. Einheitliche Reife innerhalb der Ähre und innerhalb des Feldbestandes ist deshalb das erste Ziel in diesem Projekt.
Der wichtige Schritt vom Gras zum Getreide wäre aber die Spindelfestigkeit, eine Kultureigenschaft, die bei den Weizenvorfahren Einkorn und Emmer vor 8.000 bis 10.000 Jahren aufgetreten ist. Selbstverständlich werden auch Merkmale wie Ertrag, Krankheitsresistenzen, für den biologisch-dynamischen Anbau relevante Pflanzeneigenschaften und die Nahrungsqualität des Getreides untersucht und berücksichtigt.
Unter www.saatgut-forschung.de können Sie sich umfassend über die Arbeit des Keyserlingk-Institutes informieren.
